Italien liegt von Wien aus erfreulich nah. Nah genug für eine Reise mit dem Auto, aber weit genug entfernt, damit bereits der erste Espresso an der Autobahn überzeugend nach Urlaub schmeckt. Unser Roadtrip durch Norditalien führt uns diesmal zur Sellaronda in den Dolomiten, ins überraschend lebendige Bassano del Grappa, zur Kunstbiennale nach Venedig und schließlich mit dem Rennrad durch den Karst bei Triest.
Sechs Tage, vier sehr unterschiedliche Stationen, mehrere Bergpässe, unzählige Kunstwerke und eine wissenschaftlich nicht mehr exakt rekonstruierbare Anzahl an Spritz. So mögen wir Italien.
Hier gibt es die Reise in Bildern.
Von Wien in die Dolomiten: Der Urlaub nimmt Fahrt auf
Nach ein paar Tagen Urlaubseinstimmung in Wien mit Mountainbiketouren, Stadtspaziergängen und gutem Essen daheim laden wir unsere Rennräder ins Auto. Schließlich warten in den Dolomiten einige jener Klassiker, über die Rennradfahrer mit leuchtenden Augen und leicht verklärtem Blick sprechen.
Die Fahrt nach Südtirol verläuft erstaunlich problemlos. So problemlos, dass wir bereits am frühen Nachmittag Wolkenstein im Grödnertal erreichen. Das Eden Selva Hotel erweist sich als idealer Ausgangspunkt: gute Lage, angenehme Zimmer und – besonders wichtig – eine Sauna für die spätere Wiederherstellung müder Radfahrer.
Denn am nächsten Morgen steht die Sellaronda auf dem Programm.
Sellaronda mit dem Rennrad: vier Pässe und keine Ausreden

Die Sellaronda zählt zu den großen Rennradklassikern der Dolomiten. Die Runde führt um den mächtigen Sellastock und über vier berühmte Alpenpässe: Grödnerjoch, Campolongopass, Pordoijoch und Sellajoch. Wer gerne bergauf fährt, bekommt hier reichlich Gelegenheit dazu. Wer nicht gerne bergauf fährt, sollte vielleicht besser die Seilbahn nehmen.
Wir starten in Wolkenstein und nehmen zunächst das Grödnerjoch in Angriff. Schon bei der ersten Auffahrt wird klar, weshalb die Sellaronda so berühmt ist. Die Straße windet sich durch eine beinahe übertrieben schöne Berglandschaft. Schroffe Felswände, grüne Almwiesen und weite Ausblicke wechseln einander ab. Die Dolomiten wirken, als hätte jemand bei der Landschaftsgestaltung beschlossen, auf Zurückhaltung vollständig zu verzichten.
Über Corvara erreichen wir den Campolongopass, danach folgt das Pordoijoch. Die Auffahrten sind lang und anstrengend, aber landschaftlich spektakulär. Auf den Abfahrten rollen wir durch eine Kulisse, für die andere Regionen Eintritt verlangen würden.
Zum Abschluss wartet das Sellajoch. Zu diesem Zeitpunkt beginnen die Beine bereits, eigene Reisepläne zu entwickeln – bevorzugt Richtung Hotel. Doch auch der letzte Anstieg wird bewältigt. Langsam vielleicht, aber Stil ist am Berg ohnehin eine Frage der Perspektive.
Mit rund 15 Grad ist es für den Sommer ungewohnt kühl. Beim Bergauffahren ist das angenehm, bei den Abfahrten erinnert uns der Fahrtwind allerdings daran, dass eine dünne Jacke manchmal das schönste Kleidungsstück der Welt sein kann.

Zurück im Hotel sind Sauna und Abendessen keine Freizeitgestaltung mehr, sondern notwendige Regenerationsmaßnahmen. Ein perfekter Abschluss für einen großartigen Rennradtag.
Wer noch mehr italienische Radabenteuer sucht, findet auf unserem Blog auch unsere Rennradreise durch Italien und unseren Kurztrip an die Adria mit Rennradtour im Friaul.
Bassano del Grappa: die große Überraschung am Fuß der Dolomiten
In der Nacht zieht ein Gewitter über die Berge. Als wir am nächsten Morgen Richtung Süden fahren, liegt am Sellajoch stellenweise sogar etwas Schnee. Man vergisst leicht, dass man sich hier tatsächlich im Hochgebirge befindet – bis der Sommer plötzlich kurz Winter spielt.




In Bassano del Grappa ist der Wetterspuk bereits vorbei. Und die Stadt wird zu einer der schönsten Überraschungen unserer Reise.
Bassano liegt am Fuß der Dolomiten und besitzt alles, was man sich von einer norditalienischen Kleinstadt erhofft: mittelalterliche Häuser, lebendige Plätze, schöne Gassen, den Fluss Brenta und natürlich die berühmte überdachte Holzbrücke Ponte Vecchio. Dazu kommen erstaunlich viele Bars und Restaurants.
Nach unserem Spaziergang durch die Altstadt gönnen wir uns Cicchetti und einen für die Region typischen Spritz. Sightseeing ist schließlich anstrengend – besonders dann, wenn ständig kleine Bars den Weg kreuzen.
Am Abend besuchen wir die Fermenteria, eine winzige Brauerei mit Restaurant. Der Wirt ist gleichzeitig Bierbrauer und Koch, was kurze Entscheidungswege garantiert. Die Pasta ist fantastisch, das selbst gebraute Bier ebenso. Ein Lokal, das man nicht zufällig entdeckt und danach sofort wieder vergisst.

Überhaupt ist Bassano an diesem ganz normalen Wochentag überraschend lebendig. Die Bars sind voll, auf den Plätzen wird geredet, gegessen und getrunken. Offenbar hat hier niemand die norditalienische Kleinstadtverordnung gelesen, nach der unter der Woche spätestens um 21 Uhr Ruhe zu herrschen hat.
Unser Fazit steht schnell fest: Bassano del Grappa ist keine Zwischenstation, sondern ein eigenes Reiseziel.
Morgenlauf an der Brenta
Vor dem Frühstück laufen wir entlang der Brenta. Vom Fluss eröffnen sich herrliche Blicke auf die mittelalterliche Altstadt, die Brücke und die höher gelegene Burg. Bassano zeigt sich am Morgen von seiner ruhigeren Seite.
Danach frühstücken wir in unserer sympathischen Unterkunft Ca’ Garibaldi und machen uns auf den Weg nach Venedig.
Bassano sollte man besuchen. Unbedingt. Und möglichst nicht nur, um dort den Grappa-Vorrat aufzufüllen.
Venedig und die Biennale 2026: sehr viel Kunst auf sehr wenig Raum
Unser Hotel in Venedig liegt direkt beim Bahnhof. Das ist praktisch, weil man nach der Ankunft weder mit Koffern durch die halbe Stadt irren noch überprüfen muss, ob Gepäckstücke schwimmen können.
Wir machen uns sofort auf den Weg zum Palazzo Grimani. Dort sehen wir eine Ausstellung des ghanaischen Malers Amoako Boafo. Seine ausdrucksstarken Porträts und die historischen Räume des Palazzos bilden einen faszinierenden Kontrast. Doch selbst ohne Sonderausstellung wäre der Palazzo einen Besuch wert. Architektur, Ausstattung und Atmosphäre machen ihn für uns zu einer lohnenswerten Neuentdeckung.




Danach geht es in die Giardini zur Biennale Arte 2026. Die 61. Internationale Kunstausstellung trägt den Titel „In Minor Keys“ und verteilt sich auf die Giardini, das Arsenale und zahlreiche weitere Orte in Venedig.
Unser persönliches Highlight ist der Österreich-Pavillon. Doch auch viele andere Länderpräsentationen sind beeindruckend. Und selbst wenn man mit zeitgenössischer Kunst gelegentlich ein etwas angespanntes Verhältnis pflegt, lohnt sich der Besuch: Die nationalen Pavillons sind bereits architektonisch eine Ausstellung für sich.





Jedes Land präsentiert auf kleinem Raum nicht nur Kunst, sondern auch ein Stück kulturelles Selbstverständnis. Manches erschließt sich sofort, manches erst nach längerem Hinsehen und manches vermutlich nur nach einem kunsthistorischen Studium. Spannend bleibt es fast immer.
Auch die zentrale Ausstellung „In Minor Keys“ gehört zu den Höhepunkten unseres Besuchs. Die Biennale beweist einmal mehr, dass Venedig nicht nur aus Gondeln, Masken und Markusplatz besteht.
Cicchetti und Wein am Guglie-Kanal
Zum Abendessen zieht es uns wie so oft an den Canale delle Guglie in Cannaregio. Gleich der erste Seitenkanal des Canal Grande ist für uns einer der angenehmsten Orte, um den Tag ausklingen zu lassen.
Die Trattorien sind unterschiedlich gut, doch das Sitzen direkt am Wasser ist fast immer schön. Besonders empfehlen können wir die Casa Bonita. Für ein Glas Wein sollte man außerdem die Osteria Al Cicheto besuchen. Die Weinauswahl ist hervorragend, die Stimmung entspannt und das Lokal genau so, wie man sich eine venezianische Weinbar wünscht.
Venedig am Abend, ein Tisch am Kanal und ein gutes Glas Wein: Manchmal braucht es kein ausgefeiltes Kulturprogramm.
Venedig am frühen Morgen: die Stadt gehört uns – kurz jedenfalls
Am nächsten Morgen erleben wir etwas, das tagsüber beinahe unmöglich erscheint: leere Gassen in Venedig. Selbst der Markusplatz ist nahezu menschenleer.
Wir spazieren durch enge Gassen, über kleine Brücken und vorbei an geschlossenen Geschäften. Ohne die Besuchermassen wirkt Venedig noch schöner. Ruhiger, geheimnisvoller und fast ein wenig unwirklich.




Die Ruhe hat allerdings ein Ablaufdatum.
Giudecca und der geheime Garten der Kapuziner
Kurzentschlossen nehmen wir das Vaporetto nach Giudecca. Die Insel liegt nur wenige Minuten vom Markusplatz entfernt und fühlt sich trotzdem wie eine andere Welt an. Es gibt deutlich weniger Touristen, mehr Alltag und genügend Platz, um nicht ständig einem Selfiestick ausweichen zu müssen.
Unser Ziel ist der frisch restaurierte Hortus Redemptoris, der historische Klostergarten der Kapuziner bei der Redentore-Kirche. Der rund einen Hektar große Garten wurde erst vor wenigen Jahren für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Obstbäume, Gemüsebeete, Kräuter, Zypressen und ein Seerosenteich bilden eine grüne Oase mitten in der Lagune. Nach den steinernen Gassen Venedigs wirkt der Garten beinahe exotisch. Ein stiller, überraschender Ort und eine unserer besten Entdeckungen auf Giudecca.




Vom leeren zum überfüllten Markusplatz
Als wir zur Piazza San Marco zurückkehren, ist die morgendliche Ruhe verschwunden. Der Platz ist nun so voll, als wäre gerade eine Kreuzung aus Reisegruppe, Taubenkongress und internationalem Fotowettbewerb eröffnet worden.
Wir verlassen das Gedränge und spazieren durch die elegante Einkaufsmeile Venedigs. Hier sind die großen italienischen und internationalen Modemarken vertreten. Die Schaufenster sind wunderschön, die Preise vermutlich ebenfalls – allerdings in einer Größenordnung, die wir lieber nicht überprüfen.
In der Nähe der Ponte dell’Accademia gelangen wir zum Palazzo Grassi. Der Renaissancepalast zeigt 2026 die Ausstellung „The Promise of Change“ des kenianisch-britischen Malers Michael Armitage. Seine großformatigen Werke verbinden politische, gesellschaftliche und persönliche Themen mit einer intensiven, oft beinahe traumartigen Bildsprache.


Cantina Schiavi: Cicchetti zum Verlieben
Über Corvara erreichen wir den Campolongopass, danach folgt das Pordoijoch. Die Auffahrten sind lang und anstrengend, aber landschaftlich spektakulär. Auf den Abfahrten rollen wir durch eine Kulisse, für die andere Regionen Eintritt verlangen würden.
Die Auswahl an Cicchetti ist beeindruckend. Kleine Brote mit Fisch, Käse, Gemüse, Cremes und überraschenden Kombinationen liegen dicht an dicht hinter der Theke. Sie schmecken hervorragend und sind für venezianische Verhältnisse erstaunlich günstig. Dazu ein Glas Vino della Casa – mehr braucht es für eine sehr gelungene Mittagspause nicht.
Unsere Empfehlung: hingehen, auswählen, nachbestellen. Die Reihenfolge ist wichtig.
Mehr über unsere früheren Besuche findet Ihr auf unserer eigenen Venedig-Seite und in unserem Bericht über ein verlängertes Wochenende in Norditalien.
Mit dem Kajak durch Venedig: Bitte gemeinsam paddeln!
Am Nachmittag erfüllen wir uns einen lang gehegten Wunsch: eine Kajaktour, am Besten mit Venice Kajak, durch die Kanäle von Venedig.
Vom Wasser aus verändert sich die Perspektive vollständig. Wir gleiten an alten Fassaden entlang, fahren unter niedrigen Brücken hindurch und entdecken kleine Kanäle, die man zu Fuß kaum wahrnimmt. Gleichzeitig verstehen wir nun besser, weshalb venezianische Bootsführer ständig um Ecken rufen. Hinter jeder Kurve könnte schließlich ein Vaporetto, ein Lieferboot oder eine sehr entschlossene Gondel auftauchen.

Die größte Herausforderung ist allerdings nicht der Bootsverkehr, sondern unser gemeinsamer Paddelrhythmus. Ein Kajak reagiert erstaunlich sensibel, wenn zwei Menschen gleichzeitig unterschiedliche Vorstellungen von „links“ entwickeln. Auch die engen Kurven verlangen etwas Übung.
Trotzdem – oder gerade deshalb – ist die Tour ein großartiges Erlebnis. Venedig vom Kajak aus zu erkunden, können wir unbedingt empfehlen.
Am Abend sitzen wir wieder am Kanal. Die Sonne geht unter, die Häuser spiegeln sich im Wasser und wir fragen uns kurz, weshalb man Venedig überhaupt jemals verlassen sollte.
Triest: mit dem Rennrad hinauf in den Karst
Am fünften Tag unseres Norditalien-Roadtrips fahren wir nach Triest. Für eine ausführliche Stadtbesichtigung bleibt zunächst keine Zeit, denn wir haben wieder einen sportlichen Programmpunkt vorgesehen: eine lange Rennradtour durch den Karst.
Der Triestiner Karst ist eine eigenwillige, karge und teilweise heideartige Landschaft oberhalb der Stadt. Auf der Karte wirkt die Route harmlos. Karten haben allerdings den Vorteil, keine Steigungen spüren zu müssen.


Triest liegt am Meer, der Karst etwa 300 Meter höher. Dazwischen befinden sich schmale, steile und teilweise gepflasterte Gassen, die offenbar von Menschen angelegt wurden, die Rennräder persönlich beleidigen wollten. Gleich zu Beginn geht es beinahe senkrecht bergauf.
Oben angekommen führt die Strecke ständig auf und ab. Lange flache Abschnitte sucht man vergeblich, dafür gibt es ruhige Straßen, kleine Dörfer und immer wieder weite Ausblicke. Bei rund 25 Grad sind die Bedingungen angenehm – zumindest das Wetter arbeitet heute mit uns.
Nach dieser Tour ist der Spritz vor dem Abendessen redlich verdient. Im Zentrum von Triest gibt es zum Glück genügend Bars, die unsere sportmedizinischen Bedürfnisse verstehen.
Gegessen wird wieder an einem Kanal. Diesmal allerdings am Canal Grande, dem einzigen Kanal im Zentrum von Triest. Unsere Reise entwickelt ein erstaunlich konsequentes gastronomisches Leitthema.
Noch einmal Karst – weil die erste Auffahrt so schön war
Am nächsten Morgen fahren wir erneut mit dem Rennrad in den Karst. Wieder beginnt die Tour mit einer steilen Auffahrt, wieder folgt ein ständiges Auf und Ab. Zum Abschluss wartet dafür eine lange und rasante Abfahrt zurück nach Triest.
Nach der Radtour machen wir einen ausführlichen Spaziergang durch die Stadt. Wir besuchen die wichtigsten Sehenswürdigkeiten, steigen zur Kathedrale San Giusto und zum Castello hinauf und genießen den Blick über Triest und das Meer.
Die Stadt verbindet österreichisch-ungarische Architektur, italienisches Lebensgefühl und die Atmosphäre einer großen Hafenstadt. Triest wirkt elegant, ein wenig nostalgisch und gleichzeitig erstaunlich entspannt.
Gorillaz auf der Piazza Unità d’Italia
Zum Abschluss unserer Reise wartet ein lange geplantes Highlight: ein Konzert der Gorillaz auf der Piazza Unità d’Italia.




Schon der Platz wäre eine spektakuläre Bühne. Direkt am Meer gelegen, umgeben von prachtvollen Gebäuden und voller Menschen, bietet er eine Kulisse, die selbst große Konzerthallen etwas blass aussehen lässt.
Die Band spielt ihre großen Hits, Damon Albarn ist in Bestform und der ganze Abend ist fantastisch. Mehr muss man dazu eigentlich nicht sagen. Außer vielleicht: Wer die Möglichkeit hat, ein Konzert auf der Piazza Unità d’Italia zu erleben, sollte nicht lange überlegen.
Danach gibt es noch einen Spritz. Einfach weil eine Reise durch Norditalien einen würdigen Abschluss braucht.
Warum sich ein Roadtrip durch Norditalien lohnt
Unsere Route durch Norditalien verbindet auf wenigen Tagen erstaunlich viel: die berühmten Dolomitenpässe der Sellaronda, das mittelalterliche Bassano del Grappa, zeitgenössische Kunst und versteckte Gärten in Venedig sowie Rennradtouren durch den Karst bei Triest und Triest selbst.
Die Wege zwischen den einzelnen Stationen sind überschaubar, die Landschaften wechseln ständig und gutes Essen findet sich fast überall. Dazu kommen Städte, in denen man auch beim wiederholten Besuch neue Orte entdeckt.
Norditalien ist nah, abwechslungsreich und immer wieder schön. Man muss nur die Rennräder einpacken, rechtzeitig losfahren und akzeptieren, dass sich der Spritzverbrauch während der Reise möglicherweise erhöht.
Das fällt uns nicht besonders schwer.


Ein Gedanke zu „Norditalien zwischen Dolomiten, Venedig und Triest“
Danke für den umfangreichen und tollen Reisebericht .Das nördliche Italien ist ja so nahe♀️,wir lieben es und besuchen es so oft wie möglich!