Goldegg am See: Literatur, Rennrad und Genuss im Salzburger Land
Was passiert, wenn man Literatur, Rennradfahren, gutes Essen und ein wenig Wellness in ein einziges Wochenende packt? Man landet idealerweise in Goldegg am See im Salzburger Land. Genauer gesagt im Hotel Seehof, wo man nicht nur ausgezeichnet essen und trinken, sondern auch Autorinnen und Schauspielerinnen ungewöhnlich ungezwungen erleben kann.
Für uns ist die Kombination jedenfalls perfekt: zuerst Literatur für den Kopf, dann der Dientner Sattel für die Beine und zwischendurch ausreichend gutes Essen, damit der Körper nicht glaubt, er müsse von der Kultur allein leben.
Der kulinarische Prolog beginnt in Wien
Wenn wir in ein Wochenende starten, gehören gutes Essen und viel Bewegung fast automatisch dazu. Diesmal beginnen wir mit dem guten Essen schon am Donnerstag. Schließlich müssen die aus Italien mitgebrachten Spezialitäten aufgebraucht werden (siehe letzten Blogbeitrag). Nicht, dass sie noch schlecht werden. Das wäre verantwortungslos.
Also gibt es Cicchetti mit eingelegtem Radicchio und danach Trofie mit Löwenzahnpesto, Feta und Sardellen. Italienischer kann ein Wochenende in Wien kaum beginnen.
Sehr super – um es kulinarisch präzise auszudrücken.
Salzburg im August: schön, aber nicht allein
Am Freitag geht es früh nach Salzburg. Bevor wir nach Goldegg weiterfahren, wollen wir noch einen kleinen Spaziergang durch die Stadt machen. Das war offenbar eine hervorragende Idee. So hervorragend, dass sie gleichzeitig auch einige Tausend andere Menschen hatten.
Die Salzburger Altstadt ist heillos überfüllt. Selbst der Versuch, in kleinere Gassen auszuweichen, hilft nicht wirklich. Irgendwo wartet bereits die nächste Reisegruppe, die geschlossen vor einer Auslage stehen bleibt und zuverlässig jeden Durchgang blockiert.
Ehrlich gesagt ist das diesmal kein Genuss. Dabei ist Salzburg natürlich wunderschön. Nur sollte man die Stadt vielleicht zu einer Zeit besuchen, in der man zwischen Getreidegasse, Dom und Festspielhaus gelegentlich auch noch ein Stück Salzburg erkennen kann.

Ankommen in Goldegg am See
Also fahren wir etwas früher weiter nach Goldegg im Pongau. Der kleine Ort liegt auf der Salzburger Sonnenterrasse oberhalb des Salzachtals und besitzt mit dem Goldegger See, dem Schloss und der umliegenden Bergwelt ziemlich genau jene Mischung aus Natur und Kultur, die wir gesucht haben.



Unser Quartier ist der Seehof Goldegg, der sich selbst nicht ganz zu Unrecht als „Verzauberungsanstalt“ bezeichnet. Das Hotel liegt direkt am Goldegger See und ist gleichzeitig Hotel, Restaurant, Kunsthaus und kultureller Treffpunkt. Schon beim Ankommen merkt man, dass es hier ein wenig anders zugeht als in einem gewöhnlichen Ferienhotel.
Der Empfang ist herzlich, das Zimmer schön, und bevor das erste Kulturprogramm beginnt, machen wir noch einen Spaziergang rund um den See. Der Weg führt durch eine ruhige Schilflandschaft, vorbei am Wasser und immer wieder mit Blick auf Goldegg und die umliegenden Berge.
Nach der überfüllten Stadt Salzburg ist das fast schon eine Reizüberflutung in die andere Richtung: sehr viel Ruhe, sehr wenig Gedränge.
Vea Kaiser und „Fabula Rasa“ im Seehof Goldegg
Am Abend steht die erste Lesung auf dem Programm. Vea Kaiser präsentiert ihren Roman „Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels“.

Wobei „Lesung“ die Sache nur unzureichend beschreibt. Vea Kaiser liest nicht einfach einige Seiten vor. Sie erzählt, „spielt Szenen nach“, kommentiert ihre Figuren und nimmt das Publikum mit in die ziemlich eigenartige Welt ihrer Romanfiguren.
„Fabula Rasa“ handelt von Angelika Moser, einer jungen Frau aus dem Wiener Gemeindebau, die in den 1980er-Jahren als Buchhalterin in einem Wiener Grandhotel arbeitet. Zwischen Nachtleben, Karriere, Alleinerziehen und zunehmend kreativer Buchhaltung versucht sie, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Dass ihr dabei irgendwann die Zahlen um die Ohren fliegen, ist nicht völlig überraschend.
Wir hatten bereits vor der Veranstaltung Gelegenheit, mit Vea Kaiser zu plaudern und sie ein wenig kennenzulernen. Dabei zeigt sich schnell: Sie ist nicht nur eine tolle Autorin, die mit „Blasmusikpop“, „Makarionissi“ und „Rückwärtswalzer“ herrlich schräge Familiengeschichten geschrieben hat. Sie ist auch eine ausgesprochen lustige und sympathische Persönlichkeit.
Schon das Gespräch vor der Lesung ist entsprechend unterhaltsam. Die Veranstaltung selbst ist es noch mehr. Ehrlich gesagt ist Vea Kaiser live fast noch lustiger als ihre Bücher – und das will angesichts der darin vorkommenden Familien, Verwicklungen und Absurditäten einiges heißen.
Mit dem Rennrad von Goldegg zum Dientner Sattel
Der Samstag beginnt bei angenehmer Kälte. Nach den vielen Hitzetagen ist das durchaus ernst gemeint. Endlich muss man beim Frühstück nicht darüber nachdenken, ob das anschließende Sportprogramm bereits unter Hitzeforschung fällt.
Nach einem ausgiebigen Frühstück starte ich diesmal allein mit dem Rennrad. Das Ziel ist der Dientner Sattel, und zunächst wirkt die Tour ausgesprochen freundlich. Von Goldegg geht es hinunter ins Salzachtal und anschließend entlang der Salzach flott in Richtung Bischofshofen. Die Strecke ist weitgehend flach, die Beine fühlen sich gut an und alles deutet auf einen entspannten Radtag hin.
Das ist natürlich nur die Ruhe vor dem Berg.
In Bischofshofen biege ich in Richtung Mühlbach am Hochkönig ab. Ab nun geht es bergauf. Zunächst noch recht angenehm durch schattigen Wald, mit Steigungen, die sich überwiegend um fünf Prozent bewegen.

Bis Mühlbach hat man daher noch ausreichend Zeit, die Landschaft zu genießen und sich einzureden, dass das alles gar nicht so schlimm werden kann.
Ab Mühlbach wird die Auffahrt zum Dientner Sattel allerdings deutlich unfreundlicher. Die letzten rund vier Kilometer haben durchschnittlich etwa zwölf Prozent Steigung, einzelne Rampen erreichen bis zu 18 Prozent. Das Gemeine ist weniger eine einzelne steile Stelle als deren Beharrlichkeit. Kaum glaubt man, das Schlimmste hinter sich zu haben, stellt sich die Straße noch einmal auf.
Irgendwann ist man trotzdem oben. Diesmal versteckt sich der Hochkönig leider großteils hinter Wolken, weshalb das Panorama nicht ganz so beeindruckend ausfällt wie erhofft. Aber Aussicht wird in solchen Momenten ohnehin überschätzt. Zunächst genügt es völlig, wieder halbwegs normal atmen zu können.
Nach einer steilen Abfahrt nach Dienten folgt mit dem Filzensattel gleich die nächste Auffahrt. Rund 200 zusätzliche Höhenmeter sind nach dem Dientner Sattel zwar nicht mehr dramatisch, fühlen sich aber trotzdem an, als hätte jemand in der Streckenplanung noch schnell eine kleine Bosheit untergebracht.


Danach geht es flott bergab in Richtung Saalfelden und weiter auf den Tauernradweg. Dort warten allerdings immer wieder kurze, knackige Wellen. Sie sind für sich genommen harmlos, brechen aber zuverlässig den Rhythmus. Nach einem langen Pass sind genau diese kleinen Gegenanstiege besonders unangenehm.
Die vollständige Rennradtour über den Dientner Sattel und den Filzensattel ist hier auf Komoot zu finden.
Die sportlich sinnvolle Abkürzung
Nach einer Kaffeepause bei meiner Tante verlade ich das Rennrad ins Auto. Damit erspare ich mir nicht nur den Rückweg entlang der Salzach, sondern vor allem den Schlussanstieg hinauf nach Goldegg.
Man könnte das als Abkürzung bezeichnen. Ich bevorzuge den Ausdruck „intelligente Regeneration“.
Zurück im Seehof freue ich mich auf die Sauna. Dort kann ich ein wenig nachschwitzen und versuchen, die steile Auffahrt zum Dientner Sattel wieder aus den Oberschenkeln herauszudampfen. Ob das medizinisch funktioniert, weiß ich nicht. Angenehm ist es jedenfalls.

Bibiana Beglau liest Peter Handke
Der zweite literarische Höhepunkt unseres Aufenthalts ist deutlich ernster. Die Schauspielerin Bibiana Beglau liest aus Peter Handkes „Wunschloses Unglück“.
Handkes autobiografische Erzählung über das Leben und den Suizid seiner Mutter ist ein literarisches Meisterwerk, aber naturgemäß keine so leichte und unterhaltsame Kost wie Vea Kaisers turbulente Welt aus Grandhotel, Wiener Gemeindebau und kreativer Buchhaltung.
Bibiana Beglau macht daraus dennoch – oder gerade deshalb – einen beeindruckenden Abend. Ihre Lesung ist intensiv, kantig und berührend. Der Text bekommt durch ihre Stimme und ihre Präsenz eine zusätzliche Kraft. Man hört nicht einfach nur zu, sondern gerät immer tiefer in diese Geschichte über ein Frauenleben, gesellschaftliche Enge, Sprachlosigkeit und Verzweiflung hinein.
Danach tut ein wenig Leichtigkeit gut. Das Vier-Gänge-Menü schmeckt ausgezeichnet, der Wein ebenfalls, und auch das Gespräch mit der Burgschauspielerin ist ausgesprochen nett. Genau darin liegt eine der großen Qualitäten des Seehofs: Literatur und Bühne bleiben hier nicht auf einer erhöhten Plattform, sondern setzen sich anschließend mit an den Tisch.
Laufen rund um Goldegg am See
An unserem letzten Morgen muss noch ein Lauf rund um Goldegg sein. Schließlich wollen wir nicht nur den Seehof, sondern auch die nähere Umgebung kennenlernen.
Rund um den Goldegger See, durch das Dorf und über die kleinen Straßen und Wege der Salzburger Sonnenterrasse lässt sich die Gegend wunderbar laufend erkunden. Die Landschaft ist grün, die Luft am Morgen angenehm frisch, und weil Goldegg oberhalb des Salzachtals liegt, sind ein paar Höhenmeter praktisch automatisch eingebaut. Die genaue Tour findest Du hier.
Aber nach dem Dientner Sattel am Vortag kann einen das nicht mehr erschüttern. Zumindest nicht offen sichtbar.
Der Seehof in Goldegg am See: ein besonderer Ort für Literatur und Genuss
Zusammenfassend muss man sagen: Der Seehof ist ein besonderer Platz. Die Gastgeber sind herzlich, das Essen ist sehr gut und die Weinauswahl ausgezeichnet. Wobei wir zugeben müssen, dass wir die Zeiten, in denen Felix Schellhorn gekocht hat, kulinarisch noch etwas spannender fanden.
Was den Seehof aber wirklich einzigartig macht, sind die Begegnungen. Man kommt mit Autorinnen, Schauspielerinnen und anderen interessanten Menschen ganz selbstverständlich ins Gespräch. Die Künstlerinnen verschwinden nach ihrem Auftritt nicht durch einen Seitenausgang, sondern bleiben Teil des Abends.
Nirgendwo sonst kann man mit den Größen aus Literatur und Theater so ungezwungen plaudern, gemeinsam essen und nebenbei über Bücher, Bühne, Sport oder das Leben sprechen.
Goldegg am See ist deshalb ideal für alle, die Kultur und Bewegung miteinander verbinden möchten. Morgens um den See laufen, tagsüber mit dem Rennrad durch das Salzburger Land fahren, am Abend eine Lesung erleben und danach bei gutem Essen und Wein weitersprechen – viel besser kann ein Wochenende eigentlich nicht aufgebaut sein.
Und es ist einfach nett im Seehof. Sehr nett sogar!
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