Manchmal muss man gar nicht weit wegfahren, um kurz weg zu sein. Das klingt zunächst wie ein Kalenderspruch aus einem Hotelprospekt, ist aber erstaunlich wahr. Also beschlossen wir: Wir nehmen uns ein paar Tage frei. Aber statt Flughafen, Boardinggruppe und der Frage, ob das Handgepäck wirklich noch als „klein“ durchgeht, bleiben wir daheim. Na ja, fast daheim.
Wien: Urlaub vor der eigenen Haustür

Der erste Urlaubstag beginnt in Wien. Das hat gleich mehrere Vorteile: keine Anreise, kein Stau, keine Raststation mit traurigem Kaffee. Dafür laufen wir durch einen der schönsten Teile der Stadt: durch die sogenannte Cottage und weiter durch den 19. Bezirk.
Irgendwann stehen wir vor der Kaasgrabenkirche. Ein Ort, der für uns nicht nur hübsch, sondern auch persönlich ist: Hier haben wir Anfang dieses Jahrtausends geheiratet. Klingt historisch, war aber gar nicht so lange her. Zumindest gefühlt. Die Kirche liegt wunderschön zwischen Weingärten und ist genau so, wie man sich eine klassische Wiener Hochzeitskirche vorstellt: romantisch, leicht erhöht und mit ausreichend Kulisse, damit auch entfernte Verwandte auf Fotos gut wirken.
Otto in der Albertina: Kunst mit Ottifanten
Am Nachmittag geht es in die Albertina. Dort läuft zum 250-jährigen Jubiläum die Ausstellung „Otto Meets Albertina“. Und ja, gemeint ist tatsächlich Otto Waalkes. Der Mann mit den Ottifanten, dem ostfriesischen Humor und der Fähigkeit, Slapstick so aussehen zu lassen, als wäre er eine Kunstform. Was er vermutlich auch ist.
Überraschend ist nur: Otto kann nicht nur lustig. Er ist klassisch ausgebildeter Maler und hat Werke aus der Sammlung der Albertina neu interpretiert, ergänzt und freundlich sabotiert. Herausgekommen ist eine Ausstellung, die nicht ehrfürchtig vor Kunst erstarrt, sondern sie augenzwinkernd umarmt. Man geht durch die Räume, erkennt berühmte Motive wieder und wartet fast automatisch darauf, dass irgendwo ein Ottifant aus einem Renaissancebild marschiert.
Kurz gesagt: sehr unterhaltsam. Und eine schöne Erinnerung daran, dass Kunst nicht immer so tun muss, als hätte sie gerade eine Steuerprüfung hinter sich.

Ab in die Südsteiermark
Am nächsten Tag verlassen wir Wien dann doch. Nicht dramatisch weit, aber weit genug, um das Gefühl zu haben: Jetzt sind wir weg. Ziel ist die Südsteiermark, genauer: das steirische Weinland. Sanfte Hügel, Weingärten, kleine Winzerhäuser, viel Grün und diese Landschaft, die auf Fotos aussieht wie „Toskana, aber mit Kernöl“.
Unser Quartier ist das LOISIUM Wine & Spa Hotel Südsteiermark. Eine schöne Adresse, modern, angenehm, mit Spa und Vinothek. Besonders die Vinothek ist eine Empfehlung. Also eigentlich schon fast ein Argument, die sportlichen Aktivitäten vor Ort unter „Anreise zur Weinverkostung“ zu verbuchen.



Rennradfahren im Weinland: kurz, aber gemein
Bevor es aber in Richtung Sauna und Sauvignon Blanc geht, wollen wir das Weinland mit dem Rennrad erkunden. Die geplanten Touren sind nicht besonders lang. Das klingt harmlos. Ist es aber nicht.

Denn die Südsteiermark hat ein sehr eigenes Verständnis von Hügeln. Wo andere Regionen gemütlich ansteigen, stellt die Südsteiermark einfach eine Rampe hin und sagt: „Na, fahr halt.“ Die erste Tour zeigt uns das sofort. Steile Auffahrten, enge Straßen, nicht immer perfekt saubere Abfahrten und Kurven, bei denen man lieber vorsichtig als heldenhaft ist. So wird aus einer überschaubaren Strecke schnell eine längere Verhandlung zwischen Oberschenkel, Lunge und Vernunft.
Aber schön ist es. Wirklich schön. Weinreben ziehen sich über die Hügel, dazwischen Hopfengärten, kleine Häuser, gepflegte Höfe und immer wieder Ausblicke, für die man gerne kurz so tut, als hätte man nur wegen der Aussicht angehalten. Nicht wegen des Pulses. Niemals wegen des Pulses.
Spa, Sauna und ein Gewitter als Spezialeffekt
Nach der Radtour ist das Spa im LOISIUM keine Option, sondern eine medizinisch sinnvolle Maßnahme. Die Sauna ist großartig. Besonders beeindruckend wird es, als während des zweiten Saunaaufgusses draußen ein Gewitter losbricht. Drinnen heißer Dampf, draußen dramatische Wolken – die Natur übernimmt die Licht- und Soundregie.
Ehrlich gesagt hätten wir uns vom Abendessen etwas mehr erwartet. Es war nicht schlecht, aber nach Radrampe, Sauna und Gewitter hatten wir innerlich vielleicht schon ein kleines kulinarisches Feuerwerk gebucht. Dafür war der Wein ausgezeichnet. Und in der Südsteiermark ist das keine Nebensache, sondern praktisch die Geschäftsgrundlage.
Morgenlauf mit Hochlandrind
Der zweite Tag in der Südsteiermark beginnt mit einem Morgenlauf. Auch hier gilt: Nur rund 10 Kilometer. Also eigentlich eine gemütliche Runde. Theoretisch. Praktisch hat auch diese Strecke wieder ordentlich Höhenmeter eingebaut. Die Südsteiermark verteilt ihre Steigungen offenbar nach dem Prinzip: „Ein bisschen geht immer.“

Dafür ist die Landschaft am Morgen besonders schön. Die Luft ist frisch, die Wiesen sind feucht, und unterwegs begegnet man allerlei Leben. Hochlandrinder schauen mit jener gelassenen Würde, die nur Tiere besitzen, die niemals Intervalltraining machen müssen. Eine Katze stakst durch den Morgentau, als wäre sie die heimliche Besitzerin der gesamten Region. Vermutlich ist sie das auch.
Noch einmal Rad: weil man ja lernfähig ist. Oder eben nicht.
Später folgt noch eine Radtour. Wieder steile Rampen. Wieder vorsichtige Abfahrten. Wieder dieser Moment, in dem man denkt: „Das muss doch jetzt der letzte Anstieg sein.“ Und dann kommt die nächste Kurve.
Trotzdem: Das Weinland ist mit dem Rad großartig. Die Distanzen sind überschaubar, die Ausblicke wunderschön, und bei rund 20 Grad, wolkigem Himmel und wenig Hitze waren die Bedingungen ideal. Man fährt nicht einfach durch eine Landschaft, man arbeitet sich hinein. Man spürt die Hügel, riecht die Weingärten und versteht sehr schnell, warum hier nach der Tour ein Glas Wein nicht Belohnung, sondern kulturelle Notwendigkeit ist.
Heimweg mit Wetterrealismus
Leider spielte das Wetter danach nicht mehr ganz mit. Und irgendwann war klar: Der Kurzurlaub neigt sich dem Ende zu. Also machten wir uns wieder auf den Heimweg.
Und genau das ist vielleicht das Schöne an so einem Urlaub fast daheim: Man fährt nicht völlig erschöpft aus einer anderen Zeitzone zurück, sondern kommt mit ein paar Geschichten, müden Beinen, guten Bildern und der Erkenntnis heim, dass man gar nicht weit weg muss, um kurz ganz woanders zu sein.
Wien, Albertina, Südsteiermark, Weinberge, Rennrad-Rampen, Sauna-Gewitter und eine Katze im Morgentau: Für ein paar freie Tage war das ziemlich viel Urlaub.
