Eine kleine Welt direkt vor unserer Tür
Im Wienerwald kann man wunderbar den Blick schweifen lassen. Bei einer botanischen Exkursion habe ich ihn allerdings ziemlich oft nach unten gerichtet. Während des Vortrags hatte ich Gelegenheit, mit meiner Olympus OM-D und einem Makroobjektiv Pflanzendetails zu fotografieren. Und dabei wurde aus einer Blüte am Wegrand plötzlich ein erstaunlich kompliziertes Gebilde.
Was aus normaler Entfernung einfach blau, weiß oder grün aussieht, bekommt aus der Nähe eine eigene Architektur: geschwungene Linien, feine Haare, winzige Pollenkörner, papierartige Hüllen. Alles war schon vorher da. Ich hatte nur nicht genau genug hingesehen.
Genau das fasziniert mich an der Makrofotografie. Man braucht dafür keine seltene Pflanze und keine Reise ans andere Ende der Welt. Eine unscheinbare Blüte reicht. Manchmal sogar ihr Stängel. Die Motive stehen ohnehin vor unserer Tür. Sie haben nur eine ausgesprochen zurückhaltende Öffentlichkeitsarbeit.
Die Technik: Wohin soll der Blick gehen?
Für meine Aufnahmen verwende ich eine Olympus OM-D mit einem Makroobjektiv. Die wichtigste Entscheidung beginnt aber schon beim Motiv: Welches Detail möchte ich zeigen? Ein Pollenkorn, die Kante eines Blütenblatts oder den Aufbau einer ganzen Blüte?
Je größer ein kleines Motiv abgebildet wird, desto schmaler wird bei gleicher Blende der scharf erscheinende Bereich. Darum lohnt es sich, die Kameraposition sorgfältig zu wählen. Wenn wichtige Details ungefähr in derselben Schärfeebene liegen, bekommt man schon mit einer einzelnen Aufnahme mehr davon deutlich ins Bild. Ein kleines Autofokusfeld oder manuelles Fokussieren mit Sucherlupe hilft beim genauen Platzieren der Schärfe. Solche Hilfen beschreibt auch der Olympus-Makroleitfaden.
Für den Einstieg sind an einem Micro-Four-Thirds-System Blenden zwischen f/4 und f/8 ein brauchbarer Bereich zum Experimentieren. Eine größere Öffnung, etwa f/2,8, kann ein Detail besonders stark freistellen. Weiteres Abblenden erweitert die Schärfentiefe, kostet aber Licht. Sehr kleine Öffnungen können durch Beugung wiederum feine Details abschwächen. Die größte Blendenzahl ist deshalb kein automatischer Schärfegewinn. Diese Zusammenhänge erläutert auch Canon in seinen Makrotipps.
Der Wind hat andere Vorstellungen
Bei Freihandaufnahmen braucht es eine ausreichend kurze Belichtungszeit. 1/250 Sekunde kann ein erster Versuch sein; bei Wind oder starker Vergrößerung kann deutlich mehr nötig werden. Dafür darf gegebenenfalls auch der ISO-Wert steigen. Ein wenig Bildrauschen ist meist leichter zu verschmerzen als das entscheidende Detail in Bewegung.
Ein Stativ hilft gegen Kamerabewegungen. Der Bildstabilisator ebenfalls. Eine schwankende Blüte halten beide nicht fest. Besonders bei Aufnahmeserien lohnt es sich deshalb, Windpausen abzuwarten. Die Pflanze kennt unsere fotografischen Absichten leider nicht.
Bei hellen Blütenblättern und glänzenden Stellen sollte man außerdem die Belichtung kontrollieren. Histogramm und Überbelichtungswarnung helfen dabei, Zeichnung in den hellen Bereichen zu erhalten.
Licht macht die kleinen Dinge sichtbar
Weiches Tageslicht im offenen Schatten ist ein guter Ausgangspunkt. Direktes Sonnenlicht kann dagegen harte Schatten und sehr helle Reflexe erzeugen. Ein kleiner Diffusor mildert es, ein weißer Reflektor hellt dunkle Bereiche auf. Seitliches Licht betont Oberflächen; Gegenlicht lässt feine Haare und dünne Pflanzenteile leuchten. Die Knospenaufnahme weiter unten zeigt, wie stark diese Wirkung sein kann.
Mit einer kleinen LED-Leuchte lässt sich die Lichtwirkung schon vor dem Auslösen beurteilen. Ein Blitz mit Diffusor schafft ebenfalls kontrollierbares Licht und kann Bewegung einfrieren, wenn sein Licht die Belichtung des Motivs maßgeblich bestimmt. Anregungen zum Umgang mit Perspektive und Licht gibt es auch bei OM SYSTEM.
Genauso wichtig ist der Hintergrund. Oft genügt eine kleine Veränderung der Kameraposition, damit ein störender heller Fleck verschwindet oder eine Blütenkante deutlicher hervortritt. Dafür muss man an der Pflanze nichts verändern. Meist reicht es, sich selbst ein wenig zu bewegen.
Eine Aufnahme oder mehrere Schärfeebenen?
Eine einzelne Aufnahme – oft als Single Shot bezeichnet – eignet sich besonders gut, wenn ein ausgewähltes Detail scharf sein soll und der Rest weich auslaufen darf. Die geringe Schärfentiefe lenkt dann den Blick. Die Hibiskusaufnahme und das Springkrautdetail zeigen, wie reizvoll eine solche Bildwirkung sein kann.
Soll mehr vom Motiv scharf erscheinen, bietet sich Focus Bracketing an: eine Serie mit leicht versetztem Fokus. Beim Focus Stacking werden die scharfen Bereiche dieser Aufnahmen zu einem Bild zusammengefügt. Das geschieht am Computer oder bei geeigneten Kamera-Objektiv-Kombinationen bereits in der Kamera. Welche Funktionen verfügbar sind, hängt bei Olympus beziehungsweise OM SYSTEM vom Modell, der Firmware und dem Objektiv ab.
Voraussetzung ist eine möglichst ruhige Szene mit gleichbleibendem Licht. Bewegt sich die Blüte während der Serie, können Doppelkonturen und unsaubere Übergänge entstehen. Auch sollte man etwas Platz am Bildrand lassen, weil das Zusammenfügen einen Beschnitt erfordern kann. OM SYSTEM erklärt Bracketing und Stacking ausführlich.
Belichtungsbracketing ist etwas anderes: Dabei variiert die Helligkeit der Aufnahmen. Das hilft bei der Auswahl einer passenden Belichtung oder beim Umgang mit großen Helligkeitsunterschieden; es dient nicht der Erweiterung der Schärfentiefe.
Welche Methode passt, entscheidet das gewünschte Bild. Manchmal möchte ich eine Pflanze möglichst genau zeigen. Manchmal interessiert mich eine einzige geschwungene Linie.
Die Motive: Kleine Entdeckungen am Wegrand
An den Fotos gefällt mir besonders, wie unterschiedlich diese kleine Welt aussieht. Manche Motive leben von ihrer Farbe, andere von einer Linie oder einer überraschenden Konstruktion.

Die Wegwarte wird aus der Nähe zu einer Sammlung blauer Bögen und feiner Strukturen. Auch der seitliche Blick und die vermutlich zu ihr gehörenden geschlossenen Köpfchen lohnen sich. Eine vertraute Pflanze, die je nach Perspektive ganz anders wirkt.

Die weiß-rote Blüte gehört vermutlich zu einem Garten-Eibisch oder Hibiscus. Sie zeigt ein kräftiges Spiel aus Weiß, Rot und hellem Pollen. Die geringe Schärfentiefe lässt die Blütenmitte hervortreten, während der Rest in weichen Farbflächen verschwindet.

Die kleine weiße Blüte des Wasserdarm wirkt wie ein zarter Stern. Bei der nicht sicher bestimmten Knospe auf dem zweiten Bild übernimmt das Licht die Gestaltung: Es lässt die feinen Haare am Rand aufleuchten.

Der geschwungene Blütensporn gehört zum Drüsigen Springkraut. Er genügt hier als Motiv. Rosa, Gelb und ein ruhiger grüner Hintergrund ergeben ein Bild, das mit erstaunlich wenig auskommt.

Schachtelhalm und Nadelzweig zeigen, dass es auch ohne Blüten spannend wird. Die Verzweigung des Schachtelhalms erinnert beinahe an ein technisches Bauteil. Beim Nadelzweig, dessen Baumart offenbleibt, sind es die unterschiedlichen Oberflächen. Man wartet fast darauf, irgendwo eine kleine Schraube zu entdecken.

Die braunviolette Glockenblüte ist sehr wahrscheinlich eine Tollkirsche. Ihr gelbgrünes Inneres bildet einen überraschend kräftigen Farbkontrast. Eine Blüte, deren Wirkung sich erst beim genauen Hinsehen richtig entfaltet.

Beim Augentrost fallen die violetten Linien und gelben Flecken auf der winzigen weißen Blüte auf. So viel Zeichnung auf so wenig Fläche. Die genaue Art lässt sich aus dem Foto nicht sicher bestimmen.
Mit anderen Augen nach Hause gehen
Der botanische Vortrag und das Fotografieren haben sich bei dieser Exkursion wunderbar ergänzt. Zu hören, worauf man achten kann, und diese Details dann selbst im Sucher zu entdecken, verändert den Blick. Aus einer beliebigen Blüte wird eine Pflanze mit einem eigenen Aufbau. Aus einem grünen Stängel ein kleines Stück Architektur.
Das nehme ich von solchen Ausflügen besonders gern mit: die Lust, genauer hinzusehen. Auch beim nächsten Spaziergang. Auch ohne Kamera.
Und falls ich für einen unscheinbaren Zweig wieder einmal etwas länger brauche: Es gibt dort mehr zu sehen, als man im Vorbeigehen vermuten würde.
