AllgemeinDiverses

Ein Beinbruch

Unfallstelle

Ein Beinbruch – es braucht nur eine Sekunde!

Wir sind auf Mountainbike-Tour in Jordanien.

Da machst Du noch schnell ein Bild von der tollen Landschaft. Fährst der Gruppe nach. Es geht auf der guten Schotterpiste leicht bergab. Du hast echt Spass. Plötzlich rutscht das Hinterrad weg. Keine Chance noch einzugreifen. Du fliegst und rutschst und rutschst. Gefühlt ewig. Der Kopf schlägt auf. Egal, Helm kaputt!.

Als ich endlich zu liegen komme weiß ich, dass es diesmal etwas wilder war. Diesmal tut es richtig weh. Ich bin auf der rechten Seite komplett aufgeschürft. Blut und Schmutz, das Gewand ist ziemlich kaputt.

Doch viel schlimmer is was anderes. Ich kann den rechten Fuß nicht drehen.

Die Schmerzen sind erträglich. Schlimmer ist die Unfähigkeit der Bewegung! Der Schmerz kommt vom rechten Bein.

Rasche Hilfe.

Zum Glück sind hinter mir noch ein paar Mitreisende. Und meine Frau. Die ist schockiert. Einer der Teilnehmer weiß recht gut, was zu tun ist. Er ist Mediziner und stellt mal fest, dass nichts lebensbedrohliches passiert ist. Doch ich kann nicht auf das rechte Bein steigen.

Also werde ich in den Pick-Up, der das Schlussfahrzeug bildet, gehoben. Rund drei Stunden sind es bis zum nächsten Krankenhaus. Die Piste macht die Fahrt nicht gerade angenehm.

Ambulanz und medizinische Versorgung in Jordanien.

Das Queen Raina-Krankenhaus in Petra ist gut ausgestattet. Zumindest für die Verhältnisse in Jordanien. Für unsere Gewohnheiten ist die Ausstattung sehr karg. Und es ist nicht gerade hygienisch, nicht nach unseren Standards.

Die Ärzte und die Pfleger sind sehr nett. Mit Englisch kommt man schon durch. Und unser Tourguide ist ja auch noch da. Brutal ist die Herangehensweise des Patiententrasportes. Man wird halt einfach genommen und los geht’s. Jetzt hab ich auch das erste Mal richtig Schmerzen. Es fühlt sich an als ob der Knochen gleich durch den Schenkel sticht.

Nach dem ersten Röntgen ist klar, dass diese Empfindung gar nicht so falsch war. Oberschenkelbruch knapp unter dem Oberschenkelhals. Das Röntgen zeigt einen sehr klaren Beinbruch. Die Erstversorgung besteht aus einem Gips am Unterschenkel. Besenstange zur Stabilisierung wird passend abgesägt.

Hektische Telefonate und Diskussionen. Die brauch ich gerade jetzt nicht. Es ist aber sofort klar, dass ich heim muss. In Petra wird nicht operiert. Nächstes Krankenhaus ist in Amman. Die hygienischen Zustände dort sind aber gleich. Nicht die OP ist das Problem. Es ist die Gefahr von Keinem in der offenen OP-Wunde.

Ich liege also endlich in einem Krankenbett. Ich habe immer noch die Radbekleidung an. Das wird sich auch bis zu meiner Rückkunft nicht ändern. Das Krankenzimmer ist sehr spartanisch eingerichtet. Es gibt keine Harnflaschen, sondern eine selbst besorgte PET-Flasche. Auf dem Fensterbrett liegt noch die Asche eines vorherigen Patienten. Das Bett neben mir ist frei. Das wird also gleich mal für die Frau reserviert. Das ist in Jordanien a.) normal und b.) praktisch.

Auch normal ist hier, dass die gesamter Familie die Versorgung übernimmt. Krankenhaus ist teuer, es gibt nur eine minimale stattliche Vorsorge. Was das heißt? Mein Zimmernachbar hat elf Kinder mit jeweils fünf bis sechs Nachkommen. All diese besuchen den Vater und Opa auch laufend ab den frühesten Morgenstunden bis Mitternacht. Entsprechende Lautstärke inklusive.

An sich ist die Pflege hier aber recht gut und die Menschen sind sehr bemüht und interessiert. Es ist halt nicht europäischer Standard.

Rücktransport und die Tücken

Nach vielen Telefonaten die halbe Nacht stellt sich heraus, dass die Versicherung des Alpenvereins ungenügend ist und unsere Kreditkarte keine Versicherung hat. Die Krankenversicherung sieht diesen Fall auch nicht vor. Also bleibt noch der ÖAMTC-Schutzbrief.

Über den ÖAMTC funktioniert auch alles perfekt. Die entsprechende Abteilung organisiert alles vom Krankenhaus weg bis in’s österreichische Krankenhaus.

Der Transport beginnt mit dem Transport in der Vakuum-Matratze. Hier spürt man gar nichts mehr. Man kann sich aber auch keinen Millimeter bewegen. Das Ambulanzauto ist bereits von den Maltesern, die den Transport abwickeln organisiert und bestückt.

Der Ambulanz-Jet steht schon auf dem Rollfeld. Die Ausreiseformalitäten sind einfach. Ich reise mit Sonderpapieren. Der Jet ist entsprechend meinen Verletzungen ausgerüstet. Der Flug ist unprblematischund flott bis wir in Wien landen. Hier wartet auch schon ein Ambulanzwagen, der mich ins Krankenhaus St. Pölten bringt. Es ist schon alles für die OP vorbereitet.

Im Krankenhaus wird erst mal die Radwäsche entfernt. Ich werde stationär aufgenommen. Leider kann ich aufgrund der Abschürfungen, die sich mittlerweile entzündet haben nicht operiert werden. Statt dessen bekomme ich erst mal Gewicht ans Bein. Nagel durch das Scheinbein inklusive. Diese Maßnahme macht mir in Folge auch die meisten Schmerzen, vor Allem im Knie.

Nach fünf Tagen Bewegungslosigkeit ist die Infektion endlich erledigt und ich werde operiert. Natürlich mit Vollnarkose. Ich bekomm gar nichts mit und ein paar Stunden später wache ich auf. Jetzt hab ich einen Metallnagel im Oberschenkel, bestens verschraubt. Drei kleine Schnitte sind alles, was man sieht.

Ab jetzt beginnt der Weg zurück!

Am zweiten Tag nach der OP kann ich endlich sitzen, am nächsten Tag stehe ich das erste Mal auf. Nach 10 Metern ist mir schwindelig. Doch schon am nächsten Tag geh ich mit Rollator den Gang auf und ab. Am Tag 5 folgen die Krücken, am Tag 7 werde ich endlich entlassen. Endlich daheim. 

Ich beginne mit Elektro-Stimulation, damit der Muskel nicht zu sehr schrumpft. Nach einer weiteren Woche startet die Physiotherapie. Die Bewegung ist sehr eingeschränkt. Doch ich mach jeden Tag meine Übungen. Ich geh auch wieder zum Krafttraining. Anfangs halt ohne Beinübungen. Vier Wochen später sitze ich das erste mal wieder auf dem Rad! Zumindest auf dem Indoor-Rad. Und nach 29 Tagen radle ich eine Stunde bei wenig Widerstand. Fünf Wochen nach der OP bin ich bei 100 Watt und es geht weiter bergauf.

Update Oktober 2020

Gleitnagel für OberschenkelNach 22 Monaten und einem Tag wird der Gleitnagel endlich entfernt. Das Ding muss einfach raus. Aber natürlich ist das wieder eine Operation, wieder mit Vollnarkose. Doch die OP verläuft super und nach einem Tag kann ich schon wieder aufstehen. Jetzt muss ich ein paar Wochen mit Krücken gehen, weil der Knochen hat in den fast zwei Jahren natürlich ein wenig an Stabilität eingebüßt. Und er ist ja auch noch an den Verschraubstellen offen.

Doch ab jetzt beginnt der Weg zurück. Und ich hoffe, dass es diesmal ohne Schmerzen sein wird.

Ich hab mir den Gleitnagel ja ein wenig anders vorgestellt. Das Ding aus Edelmetall ist immerhin 27cm lang und 298g schwer. Heb ich mir auf!

Tipps zur besseren Bewältigung 

Jetzt weiß ich es! Am Wichtigsten ist, sich vor der Reise über die Versicherung zu informieren. Wir machen solche Reisen oft. Und wir haben uns nie darum gekümmert. Das ist falsch! Man muss immer fragen, ob man versichert ist.

Man muss immer positiv sein! Ich hatte sicher Glück. Doch ich war immer relativ ruhig. Weil ich wußte, dass alles gut ausgeht.

Es gibt keine Rückschläge! Die Dinge brauchen Zeit und diese muss man ihnen geben. Manches geht schneller, manches dauert. Geduld ist wichtig. Doch es braucht auch Willen und ein Ziel. Meines ist, im Mai Wings4Life zu laufen und vorher schon auf dem Rad zu sitzen.

Sport und Ernährung sind wesentlich für die Genesung! Und damit meine ich nicht, die Zeit nach der OP. Sondern es geht um die Jahre vorher. Mir hat es viel geholfen, dass ich mich seit Jahren damit beschäftige. Gutes Gewebe und gute Knochenstruktur beschleunigen die Heilung.

Nach der OP ist die Ernährung wesentlich! Ich habe mich sehr bewusst kalziumreich und antibakteriell ernährt. Ayurvedische Kräutermischungen haben mir genauso geholfen wie Massagen mit entsprechenden Ölen.

Sei dankbar und demütig! Und sei geduldig!

6 Gedanken zu „Ein Beinbruch

  1. Schade! Ein Beinbruch während einer Reise soll ziemlich ärgerlich sein! Zum Glück hast du schnell nach Hilfe gesucht und ich glaube, dass das sehr wichtig und hilfreich war. Es passierte mir auch einmal, als ich im Ausland ein Arm gebrochen hatte. Man soll immer sorgfältig sein!

    1. Hallo Florian!
      Es ist nicht nur ärgerlich sondern meistens auch mit einem ziemlichen Aufwand verbunden. Die Kostenübernahme der Versicherungen ist auch problematisch. Somit ist es gar nicht so einfach, heim zu kommen.
      Deshalb mein Tipp: Vor einer Reise wirklich genau hinterfragen, ob und wie man versichert ist. Weil im Ausland im Krankenhaus ist es nie angenehm (egal, ob Hightech oder dritte Welt). Es gibt eh immer noch genug Probleme zu lösen, wenn’s passiert.
      Aber gehen wir mal positiv durchs leben und deshalb davon aus, dass das das einzige Mal war!

  2. Danke für diese Schilderungen deines Beinbruchs samt Röntgen und Gips anlegen in Jordanien. Es stimmt, dass man sich eigentlich vor jeder Reise bei seiner Versicherung erkundigen sollte, wie und ob man versichert ist. Vor meinem nächsten Urlaub außerhalb der EU werde ich das in jedem Fall tun.

    1. Hallo Sabine!
      Idealerweise auch innerhalb der EU. Denn auch in Europa ist die Qualität der medizinischen Versorgung nicht immer so schön, wie wir sie in Österreich gewohnt sind. Und das kann auch England sein, nicht immer nur die armen Entwicklungsländer. Mittlerweile weiß ich, wie wichtig es ist, ein gutes medizinisches System zu haben. Auch wenn es viel kostet.
      Im Übrigen ist auch das medizinische Personal in Jordanien nett, hilfsbereit und (in ihren Möglichkeiten) bestens. Es mangelt halt an den technischen Möglichkeiten.

  3. Deine Geschichte erinnert mich mal wieder daran, mir unbedingt einen Fahrradhelm anzuschaffen. Ich kann mir vorstellen, dass eine Krankenfahrt im Taxi oder Krankenwagen auf ebener Strecke angenehmer gewesen wäre, als auf der Schotterpiste. Toll, dass ein Arzt dabei war und der Rücktransport so gut funktioniert hat.

    1. Hallo Manfred!
      Vielen Dank für Deinen Kommentar! Ohne Fahrradhelm Rad zu fahren ist eigentlich grob fahrlässig (nett gesagt :-)), das möchte ich ganz scharf formulieren! Ein Beinbruch ist schlimm, aber ein gebrochener Kopf ist mindestens gefährlich. Du kannst Dir vorstellen, wie stark der Aufprall ist, wenn der Helm gebrochen ist. Ich hatte DREI Sprünge! Moderne Radhelme sind bestens durchlüftet, bieten Sonnenschutz (und Beschattung der Augen). Sogar schneller wird man mit Helm, weil aerodynamisch geformt.
      Freu mich auf weitere Kommentare, auch zu anderen Reiseberichten!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.